1. Kapitel:
Die Sonne schien fröhlich zwischen den Vorhängen hindurch und erhellte Morgaines rote Haare, die über das Kopfkissen verbreitet waren. Das Mädchen öffnete langsam die Augen, blinzelnd, weil sie von der Sonne geblendet wurde.
Zwischen den Vorhängen sah sie ein Stück wolkenlosen, strahlend blauen Himmel, vor dem sich die Silhouette einer Eule abzeichnete. Sie flatterte müde in Richtung Haustür und verschwand aus Morgaines Blickfeld.
Das Mädchen schmunzelte, denn dieses Bild erinnerte sie an etwas, dass sich vor genau sieben Jahren abgespielt hatte...
Auch damals hatte sie im Bett gelegen und beim Aufwachen eine Eule erblickt. Sie hatte sich nicht darüber gewundert, denn sie wusste, dass ihre magischen Verwandten diese hübschen Tiere als Botschafter benutzen.
Ihre magischen Verwandten.
Was hätte sie damals nur dafür gegeben, eine von ihnen zu sein! Ihre Tochter, und nicht die des behäbigen Chefs einer geerbten Bohrmaschinenfirma und der unscheinbaren Hausfrau. Ihre Eltern.
Nicht, dass sie sie nicht geliebt hätte, doch da sie wusste, dass es mehr als ihre einfache, normale Welt gab, eine Welt, die von ihr entdeckt werden wollte, wünschte sie sich nichts mehr, als eine Tochter der Potters zu sein, eines ihrer Kinder, wie James, Albus und Lily.
Wie Lily.
Die ihren Namen trug, den Namen, der ihr zugestanden hätte, denn nach den Worten von Großmutter Petunia war sie deren Schwester wie aus dem Gesicht geschnitten.
Obwohl ihr der Gedanke des „gestohlenen" Namens schon damals lächerlich vorkam, wollte Morgaine so sein wie Lily Evans und hatte sich doch mit dem Gedanken abgefunden, dass sie es nie sein würde.
Ihre Eltern waren normale Menschen, keine Zauberer.
Doch an jenem sonnigen Sommertag vor nun schon sieben Jahren hatte sich ihr Herzenswunsch erfüllt:
Als sie aufgestanden und mit nackten Füßen ins Wohnzimmer getappt war, sah sie zu ihrer Überraschung nicht nur ihre Mutter und ihren Vater, sondern auch Harry, Ginny und ihre Kinder auf dem Sofa sitzen. James hatte auf der Kante Platz genommen und zupfte gelangweilt Flusen von seinem Shirt, doch Lily und Albus lächelten fröhlich.
Unsicher blickte Morgaine ihre Eltern an. Auch diese schienen verunsichert, aber auch irgendwie stolz... Doch sie sagten kein Wort.
Einen Moment lang betrachteten sich alle, dann wurde es Morgaine zu lang.
„Will mir denn keiner alles Gute wünschen, wenn ihr schon so früh kommt, dass ich noch im Schlafanzug bin?", fragte sie mit beleidigtem Ton, aber gleichzeitig stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen.
Im Gegensatz zu ihrem Vater, der seinen Cousin zwar gern hatte, aber aus schlechtem Gewissen immer auf Distanz blieb, da er wegen seines unfreundlichen Verhaltens gegenüber Harry noch immer ein schlechtes Gewissen hatte, fühlte sich Morgaine in Gesellschaft der Potters vollkommen wohl.
„Alles Gute!" und „Herzlichen Glückwunsch!" kam es sofort aus allen Mündern. Iris Dursley zog ihre Tochter zu sich auf den Schoß, obwohl Morgaine nach eigener Meinung schon zu alt dafür war, und sagte mit belegter Stimme: „Morgaine, heute bekommst du eine ganz besondere Überraschung zum Geburtstag." Alle schwiegen.
„Eigentlich hast du sie schon, du weißt es nur noch nicht!", fügte Iris hinzu. In ihren Augen waren Misstrauen und Angst, gemischt mit einer vorsichtigem Freude.
Morgaine wendete den Blick ab und sah in die lächelnden Gesichter ihrer Verwandten. Sogar James blickte sie jetzt gespannt an. Und da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen! Sie stieß einen Freudenschrei aus, sprang in die Luft und lachte; lachte, bis sie nach Luft schnappend auf dem Boden lag.
Doch plötzlich rappelte sie sich wieder auf. Harry sah die Angst in ihren Augen, als sie ihn fragte: „Ich habe doch Recht, oder? Ich bin, ich bin doch auch..."
Aber es war nicht Harry, sondern James, der antwortete.
„Nee, weißt du. Du bist keine Hexe. Du bist Muggel."
Morgaine wich vor Enttäuschung ein paar Schritte zurück und taumelte gegen den Türrahmen.
„Das war ein SCHERZ, Morgaine!", rief James und verdrehte die Augen, doch man hörte ihm an, dass er über Morgaines Reaktion erschrak.
„Denkst du, ich wäre zum Geburtstag irgendeines Muggelmädchens so früh aufgestanden?"
Tränen der Erleichterung liefen Morgaine über die Wangen. Sie lächelte.
„Unsinn, James!", wies Ginny ihren Sohn zurecht. „Auch wenn Morgaine keine Hexe wäre, wären wir zu ihrem elften Geburtstag gekommen."
„Ja", murmelte James, „aber ein paar Stunden Schlaf später."
„Du hättest ja länger schlafen können", meinte Lily vergnügt, „wenn du nicht so lange vor dem Spiegel brauchen würdest."
Albus und Morgaine lachten.
„Mama! Papa!", rief sie aus. „Ich werde nach Hogwarts gehen! Ich bin eine Hexe! Oh, das ist einfach wunderbar!" Und sie umarmte ihre Eltern stürmisch.
Iris und Dudley sahen sich einen Moment schweigen an, Schweinsäuglein und blass graue, dann sagte Dudley: „Bevor du aufgestanden bist, stand es für uns eigentlich völlig außer Frage, dass du nach Hogwarts gehst."
„Aber-"
„Aber es ist wahrscheinlich besser, dass du doch hin fährst", meinte Iris. „Jetzt, wo du dich so freust, können wir es dir ja schlecht verbieten."
Morgaine lächelte und auch Dudley blinzelte wohlwollen. Die Nacht, in der Harry ihn dank seiner magischen Ausbildung vor den Dementoren gerettet hatte, war noch nicht vergessen.