Kapitel 1: Das Spukhaus
„Angie, beeil dich. Ich glaube dahinten kommt jemand“, sagte die 11-jährige Lucy nervös und schaute ihrer besten Freundin über die Schulter.
Angies Finger waren um ein kleines, magisches Taschenmesser, das gerade die Funktion eines Schraubendreher hatte, geschlossen.
Sie drehte damit ein paar rostige Schrauben, aus einem mit Holz vergittertem Fenster. Gut, eigentlich drehte nicht sie, sondern das Messer selbst, die Schrauben heraus.
„Warte. Bin gleich fertig“, antwortete Angie und das Messer drehte ein letztes Mal an der Schraube, bevor sie fiel und mit einem Pling auf dem Boden aufkam.
„Los, hilf mir“, sagte Angie und begann am Holzbrett zu ziehen, ihren Fuß stemmte sie gegen die Hauswand.
Lucy packte mit an, aber trotz der gelösten Schrauben wollte das Brett sich nicht lösen. Nur Dreck und Putz kamen herunter.
Als die Mädchen schon aufgeben wollten, löste sich das Brett mit einem lauten Knacken und der eben noch da gewesene Widerstand, war wie weggefegt und die beiden Mädchen fielen auf den Po.
Sie brachen in Lachen aus, doch plötzlich wurde Lucy still, sie hatte Schritte gehört.
Also hatte sie doch vorhin richtig gehört, es kam jemand auf dem langen einsamen Waldweg in Richtung des Spukhauses.
„Angie, schnell hinter den Busch“, zischte sie und stand schnell auf, dabei zog sie ihren lachende Freundin mit. „Da kommt jemand.“
Schnell liefen beide Mädchen zum Busch und schmissen sich dahinter.
Den Atem anhaltend lauschten sie, wenn sie hier jemand erwischen würde, das würde Ärger geben. Nicht nur ihre Eltern hatten es ihnen verboten, im ganzen nahegelegenen Dorf wurde nicht gern gesehen, wenn jemand bei dem alten Haus war.
Erst hörten sie nur Schritte, die immer lauter wurden, doch dann mischte sich eine kindliche Stimme darunter.
„Daddy, was ist denn nun im Spukhaus?“
Lucy atmete hörbar ein. Das war ihrer kleine Schwester Lily und ihr Vater.
„Da ist nichts drin. Das erzählen nur die alten Klatschtanten im Dorf, um irgendetwas zu erzählen zu haben. Du brauchst keine Angst haben.“
„Ich habe keine Angst“, sagte Lily aufgebracht und ihre Stimme wurde lauter. „Lucy erzählt davon aber auch.“
Langsam entfernten sich die Schritte und Lucy spitzte die Ohren. Was hatte Lily gehört und vor allem was erzählte sie ihrem Vater?
„Was hat sie denn gesagt?“ Fragte ihr Vater.
Doch die Stimmen waren schon um einiges leiser geworden, sodass Lucy kaum noch etwas verstehen konnte.
Sie musste die Antwort hören, sie hatte Angst, dass Lily etwas gehört hatte als sie und Angie gestern Abend in ihrem Zimmer ihren kleinen Ausflug geplant hatten.
Schnell krabbelte sie zum nächsten Busch, sie hörte Angie zischend einatmen.
„Bleib hier. Du wirst noch gesehen“, flüsterte sie und versuchte Lucy am Fuß festzuhalten. Vergebens, Lucy war schon zu weit entfernt.
Die Büsche waren dicht, eigentlich konnten ihr Vater und ihre Schwester sie unmöglich von hier aus sehen. Sie blieb erst stehen, als sie wieder auf der gleichen Höhe mit ihnen war. Lily war auch stehengeblieben, um ihren Vater alles in Ruhe zu erzählen.
„Sie und Angie fanden das toll, dass dort Geräusche in der Nacht rauskommen sollen und würden gerne wissen, was die Geräusch macht“, erzählte Lily stolz.
„Mehr haben sie nicht gesagt?“, fragte ihr Vater.
„Nein“, antwortete Lily und Lucy setzte sich erleichtert hin.
Mehr hatte Lily also nicht gehört, doch ihr Vater war nun bestimmt misstrauisch, sie musste vorsichtig sein, dass er am Ende nicht doch noch etwas von dem kleinen Ausflug mitbekam.
Die Schritte entfernten sich langsam wieder und bald war nichts mehr zu hören.
„Ich glaube, sie sind weg“, meinte Angie und ging zu Lucy. „Bist du eigentlich verrückt, was wäre gewesen, wenn sie dich gesehen hätten?“, fragte sie erbost.
„Die Büsche sind so dicht, da sieht mich keiner“, erwiderte Lucy. „Und außerdem musste ich wohl wissen, was Lily gehört hat. Ich will nämlich kein Ärger.“
„Ja, ja ist ja gut. Lass uns weitermachen“, sagte Angie und ging zum Haus, Lucy folgte ihr.
Die restlichen Bretter waren schneller runter und die beiden Mädchen wunderten sich über die Fensterscheibe die vollkommend heil dahinter war.
„Endlich fertig“, sagte Lucy erleichtert und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Es war mitten im Sommer und die Tage waren sehr heiß, Lucy hätte wetten können, dass sie genauso rot im Gesicht war wie Angie.
„Aber schon komisch, dass die Fensterscheibe heil ist, wo doch der Rest des Hauses so verrottet ist“, meinte Angie und Lucy nickte.
Das ganze Haus schien, als ob es jeden Moment zusammenbrechen würde. Die roten Backsteine, aus denen die Hauswände bestanden, zerfielen schon und hatten große Risse. Etliche Dachziegel lagen auf dem Boden vor ihnen herum, sie waren wohl vom Dach gewesen, was auch schon einige Löcher aufwies und es schien so als ob es auch nicht mehr wetterdicht war.
Dort wo die Mädchen standen, war alles ziemlich verwildert, überall wuchs Unkraut, teilweise Meter hoch. Die Laubbäume wurden lange nicht mehr gestutzt und einige Äste hingen durch ihre schwere Pracht auf dem Boden. Auch der Weg, der sicher einmal vom abgenutzten, schwarzen Gartentor zur verriegelten Haustür geführt hatte, war kaum noch zu erkennen. Auch ihn hatte das Unkraut nicht verschont.
Nur die Fensterscheibe, die sie freigelegt hatten, war anscheinend noch intakt, nur das Glas war ein bisschen stumpf und dadurch konnte man zum Verdruss der Mädchen nichts dahinter erkennen.
„Was machen wir mit der Fensterscheibe?“, fragte Lucy ihrer Freundin.
Diese hob einen Dachziegel auf und deutete auf die Scheibe.
Lucy aber schüttelte den Kopf.
„Vergiss es. Wenn du das machst, dann ragen am Ende überall spitze Scherben aus dem Rahmen, dann können wir nicht herein klettern.“
Angie ließ den Stein sinken und runzelte ihre Stirn.
„Und was dann?“
„Ich weiß es nicht“, Lucy setzte sich auf den Boden. „Ich hätte gedacht, dass die Scheibe dahinter so kaputt ist, dass wir mühelos reinkommen.“
„Und wenn wir doch die Haustür aufbrechen?“, fragte Angie. Sie hatte am Anfang, als sie bei dem Haus angekommen waren, bereits diesen Vorschlag gemacht.
„Wie willst du das anstellen?“, fragte Lucy ein wenig genervt. Es gefiel ihr gar nicht, dass sie nicht so leicht, wie sie es sich vorgestellt hatten, ins Haus reingekommen waren.
„Wir suchen uns irgendwas Spitzes und Schweres und machen damit ein Loch in die Tür. Dann stecken wir die Hand hindurch und machen die Tür auf“, erklärte Angie und deutete dabei auf die Tür.
Sie war nicht mit Holz vergittert, doch sie sah nach Lucys Meinung sehr robust aus.
„Das klappt nicht und wenn doch dauert es zu lange. Dann sind wir in ein paar Tagen noch nicht drin.“
„Und was hast du für ‘ne Idee?“, fragte Angie sauer und trat gegen die Hauswand, Putz bröckelte hinunter.
Lucy schaute sich das Haus an, oben auf dem Dach war ein großer Schornstein, sie schaute ihn sich eine Zeit lang an.
„Ich hab ‘ne Idee“, sagte Lucy auf einmal und sprang auf. „Wir klettern.“
Angie schaute sie fragend an.
„Ich hab Zuhause noch so ein komisches, langes Seil, ich hab es mal gefunden, wenn wir das mit irgendwas an der Hauswand festkriegen, können wir hochklettern und uns den Schornstein herunterlassen. Dann sind wir drin.“
„Aber wie willst du das Seil an die Hauswand machen?“, fragte Angie zweifelnd.
Lucy setzte sich wieder hin, sie wusste es nicht.
Sie schaute sich das Haus an, die Regenrinne konnte sie vergessen, sie war viel zu instabil. An der Hauswand war nichts, wo man ein Seil befestigen konnte.
Das Mädchen seufzte.
Auch Angie hatte sich umgeschaut.
„Ich weiß wie“, sagte Angie und grinste.
Lucy schaute ihre Freundin an.
„Du bist doch sportlich“, fragte Angie grinsend.
„Ja“, antwortete Lucy neugierig.
„Guck dir mal die Risse in der Hauswand an, sie sind teilweise so groß, dass du mühelos hochklettern kannst.“
Lucy musste zugeben, ihre Freundin hatte Recht. Es würde schmerzhaft für ihre Hände werden, doch es würde gehen. Die Risse waren teilweise mehrere Zentimeter breit, ihre Hände würden reinpassen.
„Aber wie willst du raufkommen?“
„Ganz einfach. Wenn du oben bist, schlingst du das Seil um den Kamin und wirfst es mir runter. Dann kann ich hoch kommen.“
Sie war einverstanden, das war eine sehr gute Idee gewesen.
„Wann wollen wir es machen?“, fragte Lucy und schaute kurz zum Himmel. Die Sonne ging langsam unter, sie musste bald nach Hause.
„Heute Nacht“, meinte Angie grinsend.
„Und wie soll ich dann was sehen?“, fragte Lucy mit verschränkten Armen.
„Ich hab ein Muggelding, sie nennen es Taschenlampe, das wirft einen hellen Lichtstrahl von sich weg“, erklärte Angie und Lucy war schließlich einverstanden.
„Also gehen wir dem Spuk auf den Grund, dann müssen sich die Klatschtanten über etwas anderes unterhalten“, sagte Lucy grinsend und hob die Hand, sodass Angie einschlagen konnte.
„Also ab nach Haus“, sagte Angie und schlug ein.
Die Mädchen drehten dem Spukhaus den Rücken zu und gingen Richtung Gartentor. So sahen sie nicht den Schatten, der am Fenster vorbeihuschte.