Ein Weihnachtsabend unter Freunden by Eosphoros [Reviews - 2] Drucker |
- Schriftgröße +
Inhaltsangabe:

Das Universum ist alternativ ... Es ist jenes, welches Lori Summer in "The Paradigm of Uncertainty" aus J.K.Rowlings Harry-Potter-Universum gemacht hat, basierend auf den ersten vier Bänden.

Harry und Hermione haben ihren Abschluss in Hogwarts gemacht und teilen sich in London ein Appartement. Hermione hat sich diesen 24. Dezember eher trostlos vorgestellt. Auf diese Überraschung, die Harry ihr bereitet, war sie jedoch nicht gefasst ...

Beitrag zum Adventskalender 2009.

 

 

Unter Verwendung von Motiven aus "Der Nussknacker" von Tschaikowsky und Motiven des Hoffmann'schen Märchens "Der Nussknacker und der Mäusekönig"

 

 

 

Warnung: Kein
Genre: Weihnachten
Charaktere: Harry Potter, Hermine Granger
Betaleser: Netti
Anmerkung des Autors:
Eine Weihnachtsgeschichte aus dem Jahr 2007.
Ein Weihnachtsabend unter Freunden


Entstanden: Dezember 2007




Es war spät geworden und Hermione hatte alle Mühe die vier Treppen zu ihrer kleinen Wohnung hinaufzusteigen. Sie hatte die Zeit vollkommen vergessen und sich in der Bibliothek regelrecht festgelesen, bis die Bibliothekarin ihr rigoros das Buch aus der Hand genommen, ein Lesezeichen hineingeschoben und es ins Vormerkregal gestellt hatte.

„Miss Granger, heute ist der Weihnachtsabend. Warum gehen Sie nicht nach Hause und schmücken den Baum oder besuchen eine Weihnachtsfeier oder tun, was Ihnen gefällt?”

Hermione war rot angelaufen und hatte entschuldigend genickt. Die grauhaarige Dame hatte natürlich eine Familie, die auf sie wartete, und so konnte sie ihr nicht böse sein, dass sie von ihr so nachdrücklich hinauskomplimentiert worden war. Sie hatte Weihnachten vollständig aus ihren Gedanken gestrichen und das aus gutem Grund. Seit einigen Wochen war sie wieder Single. Und ihr stand nun einmal nicht der Sinn nach Weihnachten und all der Gemütlichkeit, die damit zusammenhing.

So war ihr der Weg nach Hause nie so weit und so einsam erschienen wie an diesem späten Nachmittag. Sie war mit gesenktem Blick durch die Einkaufsstraßen gelaufen, hatte die vielen Lichter, Weihnachtsdekorationen und Tannen ignoriert. Es hatte einem Spießrutenlauf geglichen und ständig nagte der Gedanke an ihr, dass sie eine leere Wohnung betreten würde, wenn sie nach Hause kam. London strotzte stets nur so vor Leben und vor hektischer Geschäftigkeit, doch am Weihnachtsabend erreichte diese Hektik ihren Höhepunkt. Sie unterschied sich vom Trubel des Alltags, sie war eher positiver Natur. Sicher, es tauchte immer wieder der eine oder andere auf, der nach einer letzten Möglichkeit für ein Geschenk suchte und nun das mit Freuden nahm, was er vor vierzehn Tagen noch beherzt abgelehnt hatte.

Hermione sah gut gekleidete Pärchen an sich vorbeihasten, die den Weihnachtsabend in einem Restaurant feiern oder sich im Theater ein Ballett anschauen würden, bevor sie zu den Familienfeiern oder Krippenspielen ihrer Kinder gehen würden. Melancholie griff nach ihrem Herzen. Auf sie würde niemand warten. Warum hatte sie mit Horace auch so kurz vor Weihnachten Schluss machen müssen? Diese Frage stellte sie sich noch, als sie die letzte Treppe in Angriff nahm. Dabei war die Antwort so einfach: Sie hatte seine Eifersuchtsszenen nicht mehr ertragen können. Es war vom Beginn ihrer Beziehung klar gewesen, wo ihre Prioritäten lagen. Wenn Horace damit nicht zurecht gekommen war, dass Harry Potter in ihrem Leben eine zentrale Rolle spielte, dann war es sein und nicht ihr Problem. Unangenehme Dinge erledigte sie am liebsten sofort, so hatte sie am Abend die Entscheidung gefällt und sie am folgenden Morgen Horace in schonungsloser Ehrlichkeit mitgeteilt. Dass sie so um ihr gemütliches und zweisames Weihnachtsfest kam, hatte sie nicht bedacht.

Nun würde niemand auf sie warten, wenn sie nach Hause kam. Die Wohnungstür lachte sie bereits höhnisch an. Harry war wie so häufig in letzter Zeit unterwegs. Sie wusste, ja ahnte nicht einmal, wo er sich herumtrieb und was er eigentlich tat. Er hatte neuerdings die schreckliche Angewohnheit aus heiterem Himmel zu verschwinden und einige Tage oder Wochen später total zerschunden und hundemüde wieder zuhause zu erscheinen. Meistens schlief er dann lange und suchte danach ihre Nähe. Sie frage nicht danach, was geschehen war oder was ihn bedrückte, obwohl es sie brennend interessierte. Hermione hatte die Erfahrung gemacht, dass Harry ihr schon erzählen würde, was sie wissen musste – in der Regel.

Sie nahm schnaufend die letzte Stufe und kramte den Schlüssel aus ihrer Jackentasche. Der höhnisch grinsenden Tür würde sie es schon zeigen und nahm sich vor, sie heftig zuzuschlagen, wenn sie erst einmal in der Wohung war. Nie wieder würde sie in den obersten Stock ziehen, Dachgarten hin oder her. Eigentlich war es doch nicht so schrecklich allein zu sein. Sie würde die Wohnung heizen, sich einen Kakao kochen und sich dann mit einem guten Buch auf das Sofa verziehen. Sollten die anderen ruhig Weihnachten feiern, sie hatte ihre Bücher. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Hermione quietschte auf und ihre Tasche landete auf dem Fußboden.

„Harry!”, schrie sie heftig atmend. „Hast du mich erschreckt. Was machst du eigentlich hier?”

„Lass mich überlegen: Ah, ich wohne hier”, erwiderte er keck, klaubte zwinkernd die Tasche von Boden auf, schob Hermione in die warme Wohnung und schloss die Tür. „Ich dachte mir, dass du Weihnachten nicht alleine sein solltest. Also habe ich meine Reise unterbrochen und werde bis zum 26. bei dir sein. Wenn du mich so lange aushältst. Es kann ja nicht sein, dass du dich gerade an Weihnachten hinter deinen Büchern vergräbst und Trübsal bläst.”

„Aber ich liebe meine Bücher!”, empörte sich Hermione, doch klang sie amüsiert. Das war wieder typisch für ihn. Er konnte es nicht ertragen, sie alleine und traurig zu sehen. Sie schlüpfte aus ihrem Mantel und zog die Stiefel aus. Sie rieb die Hände aneinander und bemerkte erst jetzt, wie sehr sie eigentlich fror. Es war in London nicht wirklich kalt, doch hatte sie den Weg von der Bibliothek nach Hause zu Fuß zurückgelegt und in Anbetracht dieser Entfernung war es kein Wunder, dass ihre Zehen sich wie taub anfühlten und ihre Finger hochrot waren. Gerade wollte sie sich seufzend in den nächsten Sessel fallen lassen, als Harry sie an den Schultern packte und meinte: „Ich weiß, dass du deine Bücher liebst. Aber die werden auch einmal ein paar Tage ohne dich auskommen. Du wirst jetzt erst ein Bad nehmen und dich gefälligst aufwärmen. So wie du mit den Zähnen klapperst, versteht man ja sein eigenes Wort nicht. Entspann' dich in der Wanne, während ich unser Abendessen herrichte.”

Hermione wollte protestieren, doch Harry packte sie und apparierte einfach mit ihr ins Bad. Sie wollte ihn ankeifen, dass sie kein kleines Mädchen sei, mit dem er nach Herzenslust herumapparieren könne, wie es ihm gefiele, als sie sich einem duftenden Schaumbad gegenüber sah, das geradezu nach ihr rief. Das Schimpfen war im Angesicht einer solchen Versuchung vergessen. Sie komplimentierte den grinsenden Harry hinaus und entledigte sich lächelnd ihrer Sachen. Seufzend stieg sie in die Wanne, lehnte sich zurück und schloss sinnend die Augen. Herrlich. Jetzt fehlten nur noch ein heißer Kakao und Weihnachtsmusik und schon würde sie ihm siebenten Himmel schweben, dachte sie bei sich.

„Harry?”, rief sie. Prompt ging die Badezimmertür auf und Harry erschien. In der Wohnstube sang Bing Crosby von der Schallplatte gerade White Christmas. Harry summte leise mit. Er trug ein Wannentablett auf dem neben dem gewünschten Kakao ein Teller mit frischen Plätzchen und brennende Teelichter standen.

„Madame, Ihre Schokolade und eine kleine Aufmerksamkeit des Hauses bis das Dinner serviert ist”, erklärte er mit schrecklich breitem französischen Akzent. Hermione lachte schallend und wischte sich die Augen. Harry besaß den Anstand, solange zu warten, bis sie sich beruhigt hatte. Erst dann setzte er das Tablett auf den Badewannenrändern ab und plazierte sich selbst auf dem Toilettendeckel. „Nun frag schon! Ich weiß doch, dass du beinahe vor Neugierde platzt”, schienen seine Augen zu sagen.

„Also gut, warum bist du hier?”

„Gleich die Wahrheit oder erst herumdrucksen?”, stellte er die Gegenfrage.

„Ohne Herumdrucksen, gleich die Wahrheit!”, entschied Hermione und biss herzhaft in eines der Plätzchen. Allmählich zeigte die Wärme des Badewassers Wirkung. Sie entspannte sich und genoss die heimelige Atmosphäre. Sie verspürte im tiefsten Grund ihres Herzens einen ersten Anflug weihnachtlichen Gefühls.

„Ginny hat mich alamiert. Sie sagte, du hättest ihrer Mutter für morgen abgesagt und gemeint, deine Eltern wären über Weihnachten verreist. Ich will einfach nicht, dass meine beste Freundin zum Weihnachtsfest alleine ist.”

„Du bist süß, weißt du das?”, entgegnete sie weich. Es war entzückend zu sehen, wie Harry errötete. „Ich wollte eigentlich niemanden sehen, Harry. Ich weiß, dass es albern ist, ich war es schließlich, die Schluss gemacht hat. Horace muss es schrecklich gehen, aber...”

Sie sprach nicht weiter. Hermione schniefte leise und zwinkerte mehrmals, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.

„Wenn er eine Frau wie dich nicht halten kann, dann verdient er dich auch nicht”, erklärte Harry leise aber mit Nachdruck. Zwischen beiden breitete sich Schweigen aus. Es war nicht unangenehm mit Harry zu schweigen. Hermione nippte sinnend an ihrem Kakao. Nach einer Weile musterte Harry sie mit halb unsicherem, halb amüsierten Blick. „Also, ich hätte noch Karten für den Nussknacker, magst du...”

Das kam so überraschend, dass Hermione sich an der Schokolade verschluckte. Wie hatte er es geschafft, zu Heiligabend Karten für das Weihnachtsballett schlechthin zu bekommen? Die mussten ein Vermögen gekostet haben.

„Hmm, also wenn du nicht willst, dann kann sie auch...”

„Bist du verrückt? Natürlich werden wir hingehen. Wann geht es los? Hab ich noch Zeit zum Haare waschen? Was soll ich bloß anziehen?”

Harry lachte. „Ruhig Blut, du hast noch drei Stunden. George war vorhin hier und war so lieb mir beim Kochen zu helfen, sodass wir uns genügen Zeit zum Essen lassen können.” Hermione warf ihm einen skeptischen Blick zu. Bei Harry brannte sogar Wasser an. „Nun gut, ich habe daneben gesessen und er hat gekocht. Sie sind alle sehr traurig, dass wir morgen nicht im Fuchsbau sein werden. Daher hat mir George den Gefallen erst nicht tun wollen, um uns zu zwingen, doch zu kommen”, räumte er zerknirscht ein.

Hermione lehnte sich in der Wanne zurück und knabberte an einem Plätzchen. „Wir können froh sein, dass wir sie haben, nicht wahr? Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, mit ihnen zusammenzusein und... er ist nicht mehr dabei.”

Harry lehnte sich vor und stützte die Ellenbogen auf den Knien ab. „Ich weiß, was du meinst. Ich vermisse ihn auch.”

Wieder herrschte Schweigen. Jeder hing seinen Gedanken an Ron nach, bis sie sich ansahen und anlächelten. Es waren Momente wie diese, in denen Hermione sich Harry näher als allen anderen Menschen fühlte. Sie verstanden sich blind und wussten instinktiv, wann es Zeit zum Schweigen und Zeit zum Reden und zum Herumalbern war.

„Würdest du nun bitte das Bad verlassen?“, durchbrach Hermione die Stille. „Ich möchte mich waschen und meine Haare machen, denn ich habe heute noch eine Verabredung.”

Harry zog die Augenbrauen hoch und neckte sie: „Kenne ich ihn etwa?”

Sie lächelte und kess zurück: „Ach, das glaube ich nicht. Du würdest ihn nicht mögen. Er ist eingebildet und stolz und so richtig häßlich und ich...” Hermione quiekte, denn Harry hatte in die Wanne gelangt, sie am Fuß gepackt und sie unter die Wasseroberfläche gezogen. Prustend und lachend tauchte sie wieder auf, wischte sich die Schaumflocken aus dem Gesicht und brachte die leere Kakaotasse in Sicherheit.

„Wie war das?”

„Er ist häß...”

Wieder verschwand sie unter der Wasseroberfläche.

„Hmm?”

„Er ist gutaussehend, charmant, selbstlos und schüchtern und der beste Freund, den man sich vorstellen kann?”, kicherte sie und warf ihm einen verschmitzten Blick zu.

„Gutes Mädchen”, erwiderte Harry, schnappte sich das Tablett, verließ schmunzelnd das Bad und schloss die Tür hinter sich.

Wenige Augenblick später, Hermione massierte sich gerade die Kopfhaut, klangen merkwürdige Töne aus dem Wohnzimmer. Sie hielt inne und lauschte. Das war definitiv nicht mehr die Schallplatte mit Bing Crosby. Harry trällerte Last Christmas, dieses Nervlied, mit dem die Kaufhäuser ihre Kunden jedes Jahr aufs Neue malträtierten. Hermione kicherte. Sie konnte es nicht verstehen, dass ein Mann wie Harry, der beim Swing so viel Taktgefühl und Rhythmus im Blut hatte, so vollkommen unmusikalisch war, wenn es ums Singen ging. Das war unbegreiflich. Sie lächelte und ließ sich von Harry anstecken. Sie wusch sich das Haar aus und sang leise Last Christmas mit.


* * * * *


Mit einem Handtuchturban auf dem Kopf und in ein Badelaken gehüllt tauchte Hermione einige Zeit später in der kleinen Wohnstube wieder auf. Sie wagte kaum ihren Augen zu trauen. Harry hatte sich selbst übertroffen. Ein kleiner Tannenbaum stand in der Nähe der Treppe, die zum Dachgarten führte. Er war nicht großartig geschmückt, sondern lediglich mit Lichtern und ein wenig Lametta verstehen. Auf dem niedrigen Couchtisch hatte er für zwei eingedeckt und die herrlichen Gerichte, die George auf die Schnelle zubereitet hatte, auf zwei Tellern angerichtet. Der Kuchen war zwar gekauft, doch würde er das Mahl perfekt abrunden, zudem lockten zwei riesige Portionen Schokoladenpudding. Harry reichte ihr ein Glas Weißwein und schenkte sich eines ein. Hermione wollte schon protestieren, weil sie kaum Alkohol trank, doch da fiel ihr Blick auf das Glas Orangenschaft neben ihrem Gedeck. Harry hatte wirklich an alles gedacht.

„Oh, Harry”, seufzte Hermione und nahm sich eine Weintraube. Sie schob sie sich in den Mund und staunte, wie er es geschafft hatte, das alles in so kurzer Zeit zu arrangieren. „Das ist einfach perfekt.”

„Du übertreibst, Mione”, lenkte Harry ab, roch an seinem Wein und stieß mit ihr an. „Frohe Weihnachten”, flüsterte er.

„Frohe Weihnachten”, erwiderte sie. Es war schön, einfach nur in seine Augen zu schauen und die Wärme darin wahrzunehmen. Hermione zitterte leicht. Ihr Turban rutschte und sie schaffte es gerade noch, ihn festzuhalten. Harry nahm ihr das Glas ab und nötigte sie, sich hinzusetzen.

„Keine Panik, wir haben genügend Zeit. Lass es dir schmecken.”

Harry und Hermione aßen und plauderten. Sie lachten, ließen sich das Essen schmecken und zogen sich gegenseitig auf. Sie hasste Ranunkelsalat. Ohnezu fragen, klaubte er die einzelnen Blätter von ihrem Teller. Hermione tat es mit seinen Möhrenstreifen ebenso. Sie kannten einander so gut, dass Hermione ihm manchmal sogar seine Uhr reichte, noch bevor er überhaupt nach ihr fragte oder nach ihr zu suchen begann.

„Pudding?”, erkundigte er sich nach einer Weile und sie nickte. Was sie auf der Welt mehr liebte als Orangensaft war Schokoladenpudding, zumindest was den Speiseplan betraf.

„George verdient einen Orden!”, erklärte Harry zwischen zwei Bissen und Hermione konnte ihm nur stumm beipflichten. Wenn Harry jetzt noch darauf bestehen würde, dass sie auch ein Stück von dem Kuchen aß, würde sie ihm auf der Stelle den Hals umdrehen.

„Beim besten Willen, ich bin mir sicher, dass der Kuchen nach dem Ballett noch ebenso gut schmecken wird, wie er jetzt aussieht.“

Hermione lachte und lehnte sich dann stöhnend auf dem Sofa zurück. „Gut, dass du so denkst. Ich bekomme keinen Bissen mehr herunter.“ Sie zupfte an ihrem Badelaken. Harry legte keinen Wert auf Äußerlichkeiten. Hermione hielt sich an ihrem Orangensaft fest. Sie dachte an Horace. Es wäre kein solch entspanntes Abendessen geworden, hätte sie es mit ihm eingenommen. Horace war nicht nur auf Pflanzen fixiert, sondern auch auf Anstand und Etikette. Er hätte protestiert, wenn sie in seiner Gegenwart mit Handtuchturban auf dem Kopf und in ein Badelaken gewickelt beim Essen am Weihnachtsabend erschienen wäre. Im schlimmsten Fall hätte er sie verdächtigt ihn verführen zu wollen. Obwohl der Gedanke an Horace wehtat, fühlte sie sich nicht unglücklich eher erleichtert.

„Ich habe etwas für dich“, riss Harry sie aus ihren Gedanken. Es war ihr nicht unlieb. „Eigentlich sollte es morgen unter dem Weihnachtsbaum liegen, doch ich denke, dass du es lieber schon heute Abend aufmachen möchtest.”

Harry reichte Hermione ein exquisit verpacktes Geschenk, dessen Größe keinen Aufschluss über seinen Inhalt lieferte.

„Danke”, murmelte sie, nahm es entgegen, beugte sich über den Tisch zu Harry hinüber und gab ihm einen Kuss. Dann griff sie unter das Sofa und holte ihr Geschenk für ihn hervor. „Gleiches Recht für alle, Mr. Potter“, sagte sie mit einem Lächeln. Harry nahm es mit einem Zwinkern und bedankte sich artig, wie Hermione es getan hatte.

Sie beobachteten einander, als sie die Päckchen öffneten. Bevor sie die letzten Hüllen zur Seite schoben, hielten sie inne, nur einen Moment.

„Oh Mione!“, rief Harry aus. Er eine Schallplatte mit Originalaufnahmen von Glenn Miller in Händen. „Woher hast du die!“ Er sprang auf, eilte um den Tisch herum und setzte sich neben sie aufs Sofa. Hermione keuchte, als Harry sie an sich zog und herzlich drückte. „Glenn Miller Original! Ich fasse es nicht, dass du das gemerkt hast. Wir haben doch nur einmal darüber gesprochen und das war im April!“

Erneut drückte er sie. Hermione lachte leise und schob ihn sanft von sich. „Ich weiß“, entgegnete sie schmunzelnd und schaffte es endlich ihr Päckchen von seinem letzten Bändchen zu befreien. „Was meinst du, wie lange ich es...“ Sprachlos starrte sie die weiche schwarze Stola an. Ein Hauch aus gestrickter Spitze lag auf ihrem Schoß. Sie befühlte die federleichte Wolle mit den Fingerkuppen und schüttelte den Kopf. Kaschmir, dachte sie und suchte Harrys Blick.

Ängstlich und fragend ruhten seine Augen auf ihr. Sie legte ihm die Hand auf die Wange und flüsterte: „Sie ist wundervoll, Harry, danke.“

Erleichtert atmete er auf. Eine gute halbe Stunde später betrachtete sich Hermione im Spiegel und zupfte die Stola zurecht.


* * * * *


Klärchen bekam einen Nussknacker zu Weihnachten. Er war das wundervollste Geschenk, das Onkel Drosselmeier ihr hatten machen können. Sie spielte mit ihm und verteidigte ihn sogar gegen ihren kleinen Bruder, der ihn auch haben wollte, um Nüsse zu knacken, doch dabei ging er leider entzwei. Klärchen weinte jämmerlich. Onkel Drosselmeier reparierte den hölzernen Patienten rasch. Oh, und er erzählte so wundervolle Geschichten: Der Nussknacker war kein einfacher Nussknacker, nein, er war ein verwunschener Junge, der vor dem Mäusekönig in die Menschenwelt geflüchtet war und nur die Zuckerfee könnte den Zauber über das Reich brechen und ihn erlösen.

Über Nacht passierte das Schreckliche. Der Mäusekönig kam und wollte den Nussknacker töten. Sie fochten ein Duell, bei dem Klärchen angst und bange um ihren geliebten Nussknacker wurde. Ah, der Nussknacker hatte gesiegt und das Wunder geschah, Klärchen schrumpfte und sie konnte dem Nussknacker ins Spielzeugland folgen. Wie sehr sich alle freuten, dass der Nussknackerprinz wieder im Lande war, doch noch war der Zauber nicht gebrochen. Endlich verwandelte sich Klärchen in die Zuckerfee, als ihr bewusst wurde, dass es nur den Nussknacker für sie gab. Sie tanzte für ihn, erlöste ihn und sie lebten glücklich im Land der Süßigkeiten zusammen.


Dann fiel der Vorhang im Coliseum, doch das Gesehene und Gehörte wirkte nach. Das Publikum brach in Applaus aus, der Theatervorhang hob sich und die Tänzer traten vor. Sie verbeugten sich, winkten, beklatschten sich gegenseitig und hatten sichtlich ihren Spaß. Hermione und Harry hatten sich nicht gerührt. Sie saßen in einer Loge nahe der Bühne und regten sich nicht. Plötzlich schniefte Hermione, schluchzte halblaut und drückte sich das Taschentuch an die Nase. Harry tastete nach ihrer Hand, die sie dankbar ergriff. Er beugte sich zu ihr herüber und flüsterte: „Wenn ich gewusst hätte, dass dich der Nussknacker zum Weinen bringt, wäre ich mit dir in Miss Saigon gegangen.”

Hermione gluckste leicht, räusperte sich und wischte sich die unaufhörlich laufenden Tränen fort. „Sei bitte nicht albern. Bei Miss Saisgon hätte die Sintflut wie ein simpler Sommerregen gewirkt, gemessen an meiner Tränenflut.”

Harry streichelte mit dem Daumen über ihre Hand und drückte ihr einen Kuss auf den Handrücken. „Ich weiß, das war ein schlechter Scherz.”

„Nein, genau das, was ich jetzt brauchte. Ich liebe den Nussknacker einfach. Er ist das perfekte Weihnachtsmärchen für mich und ich muss einfach weinen. Es ist so... schön”, seufzte sie, lächelte unsicher und fiel in den Applaus der Zuschauer ein. Harry tat es ihr nach. Die Balletttänzer hatten eine grandiose Leistung abgegeben, wenn man bedachte, dass sie das Stück bereits den gesamten Dezember hindurch tanzten. Ergeben ließen sie die Ovationen des Publikums über sich ergehen und verneigten sich in alle Richtungen.

„Es war einfach wundervoll”, flüsterte Hermione, als sie sich in die Masse der Leute einfügten, die die Treppen zum Ausgang hinunter strömten. Leise summte sie den Blumenwalzer und wiegte sich im Takt dazu.

Sie wusste nicht, was in Harry gefahren war. Mit einem Mal fühlte sie sich herumgewirbelt. Er hatte ihre Rechte in seiner Linken, seine Rechte ruhte auf ihrem Schulterblatt und schon walzten sie über die Zwischenetage. Hermione summte mit geschlossenen Augen weiter und nahm nicht wahr, wie die Menschen ihnen Platz machten, einige beigeistert klatschten und andere indigniert die Brauen zusammenzogen und ihrer Wege gingen.

„So möchte ich weiter tanzen, immer weiter ohne ein Ende zu finden. Alles ist so leicht und einfach. Horace hätte dies niemals gemacht”, flüsterte Hermione und öffnete die Augen. Harrys Blick war ernst und obwohl ein leichtes Lächeln seine Mundwinkel umspielte, war es unverkennbar, dass er ihr diesen Wunsch erfüllt hätte, stünde es in seiner Möglichkeit und wenn es nur für diesen einen Abend war. Doch so konnte es nicht gehen, Hermione wusste, dass es unmöglich war. Wie auf ein verabredetes Zeichen stoppten beide und lächelten verlegen, beinahe peinlich berührt, in den Kreis, der sich um sie gebildet hatte.

Hach, so jung und verliebt müsste man noch einmal sein!”, brüllte eine alte Dame ihrem Begleiter ins Ohr.

Ja, Tante Augusta”, kam es ergeben von diesem in normaler Lautstärke.

Dann brach es aus Hermione und Harry heraus. Lachend nahmen sie sich bei den Händen und rannten die Treppen hinunter. Harry schaffte es, ihre Mäntel unauffällig herbeizuzaubern, half ihr in ihren und verließen das Coliseum im Laufschritt. Sie eilten lachend die St. Martins Lane hinunter zum Trafalgar Square.

„Wenn wir schon im Coliseum getanzt haben, dann auch auf dem Trafalgar Square”, rief Harry begeistert aus. Hermione lachte ausgelassen. Es tat so wohl nach dem all dem Ärger und Schmerz unbefangen zu lachen und übermütig zu sein. Es gehörte eine enorme Portion Mut dazu, auf einem öffentlichen Platz zu tanzen. Sie ließ sich von Harry führen und fand sich bald schon in seinen Armen wieder. Hin und her wirbelte er sie über den Platz vor der National Gallery. Sie summte den Blumenwalzer dazu und legte wie von selbst ihren Kopf gegen seine Schulter. Zuschauer waren sie gewohnt, seit sie ihre ersten Erfolge bei Swingturnieren gefeiert hatten. Sie störten sie nicht.

„Das ist schön, Harry”, murmelte sie und Harry schwieg.


* * * * *


Lass mich nicht alleine, hatte sie gesagt und ihn dabei fast flehendlich angesehen. Die Teelichter waren heruntergebrannt und erloschen und sie hatte verloren inmitten der Küche gestanden, die Hände um ein Glas Wasser gekrallt.

Harry hatte ihr diesen einfachen Gefallen getan. Er war mit ihr ins Bett gekrochen und hatte sie in den Arm genommen. Sie hatte sich fest an ihn geschmiegt und war innerhalb weniger Augenblicke eingeschlafen gewesen.

Harry jedoch lag noch lange wach. Er strich ihr leicht über den Rücken und genoss ihre Nähe mehr, als für einen Freund gut war. Verliebt hatte die alte Dame im Coliseum sie genannt. Für einen Außenstehenden musste es wohl so aussehen, denn Hermione hatte ihm oft erzählt, dass Horace auch davon ausgegangen war, sie beide wären verliebt. Schwachsinn, sagte sich Harry. Sie waren lediglich Freunde, sehr enge Freunde, die gemeinsam sehr viel durchgemacht hatten. Das schweißte enger zusammen als gemeinsam zu zelten oder Nächte durchzumachen. Hermione war sein ein und alles, das war korrekt. Er liebte sie, wie er eine Schwester lieben würde, wenn er eine hätte. Ihretwegen vernachlässigte er einen wichtigen Auftrag, ihretwegen hatte er die Leitung der Operation, die erste, die er hatte führen dürfen, wieder in die Hände seines Vorgesetzen gelegt und sich als der wankelmütige Mann erwiesen, als den ihn die meisten betrachteten. Doch ihm war es egal. Sie konnte von ihm denken, was sie wollten. Das Wichtigste in seinem Leben war das Glück Hermiones. Wie sollte er Frieden finden, wenn sein Sicherer Platz unglücklich war? Es war für ihn eine Selbstverständlichkeit gewesen nach London zurückzukehren, als Ginny ihm geschrieben hatte, dass Hermione Horace den Laufpass gegeben hatte und das kurz vor Weihnachten.

Sie regte sich sanft ihm Schlaf, drehte sich in seinen Armen herum und lag nun mit dem Rücken zu ihm.

„Schlaf endlich, Harry”, flüsterte sie und gähnte herzhaft. „Langes Grübeln wird dich der Lösung nicht näher bringen. Es war ein schöner Weihnachtsabend. Danke, mein Freund!”

Das letzte Wort war kaum noch zu verstehen, so leise hatte Hermione gesprochen. Doch Harry lächelte. Ja, es war in der Tat ein schöner Weihnachtsabend geworden. Er zog sie an sich und schlief mit dem Gedanken an das Glück, eine solche Frau seine beste Freundin nennen zu dürfen, ein.


~ E n d e ~