Weihnachtsleckereien. Allein schon das Wort. Weihnachtsleckereien. Severus Snape schürzte abfällig die Lippen und starrte widerstrebend auf sein Blatt Pergament. Leer war es, ebenso leer wie sein Kopf.
Was sollte er bloß zu so einem Thema schreiben?
Sicher, ginge es um höchst potente Zaubertränke, gleich welche Richtung die Wirkungsweise auch sein sollte. Da würde ihm so einiges einfallen. Jedoch Weihnachtsleckereien? Ernsthaft?
Rezepte für Weihnachtsleckereien? Professor Slughorn musste von seiner letzten Slug- Party noch nicht ausgenüchtert sein. Das war die einzige Erklärung.
Wütend schnippte er eine Eulenfeder von seinem Knie. Die Anwesenheit in der Eulerei hatte ihm auch keine Erleuchtung gebracht. Nicht, dass er es erwartet hätte. Oder dass er den zugigen Turm für besonders inspirierend hielt.
Es war schlichtweg einer der wenigen Orte auf Hogwarts, die nicht von dem alljährlichen Vorweihnachtswahnsinn betroffen waren. Bei seinem letzten Ausflug ins Dorf hätte er sich beinahe übergeben. Ätzend. Überall wurde Weihnachtsdekoration verteilt, auch an unpassenden Stellen. Wer bitte wollte schon ernsthaft Tannengirlanden um Waschbecken oder Toilettensitzen haben? Severus schüttelte sich bei dem Gedanken an dieses schrille Café von Madam Puddifoot. Was hatte ihn denn nur geritten, in diesen Laden zu gehen?
Severus kratze sich am Kinn und lächelte. Natürlich.
Wer auch sonst. Lily. Seine liebe Lily.
Ihre Freundinnen haben sich zwar wie immer unmöglich verhalten und sich darüber aufgeregt, dass sie sich mit so etwas wie ihm abgeben würde, aber Lily hatte sie einfach quatschen lassen und ihn kurzerhand mit in dieses Café gezogen. Und dann hatten sie zusammen einen Kakao getrunken, ihre wunderschönen grünen Augen...
„Störe ich?“
„Was?“ Severus schreckte aus seinen Gedanken auf und hielt seine Schreibfeder der Stimme abwehrend entgegen, als wäre sie sein Zauberstab.
„Ob ich dich störe, möchtest du lieber alleine sein?“, fragte Lily Evans, setzte sich zu ihm auf eine der Treppenstufen und lachte über seinen entgeisterten Gesichtsausdruck.
„Keine Angst, ich bin kein Gespenst.“
Severus schluckte und räusperte sich.
Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und innerhalb von Sekunden kam ihm die kalte, zugige Wendeltreppe so heiß vor, wie das Innere eines Kessels.
„Lily...“
„Ja, so ist mein Name“, lachte das Mädchen und umarmte ihr Päckchen.
Severus versuchte sich wieder zu beherrschen und grinste unbeholfen.
„Was hast du denn da für ein Päckchen?“
„Das ist ein Weihnachtsgeschenk für meine Schwester, ich hoffe doch, dass sie sich darüber freut.“
Severus verzog das Gesicht. Sicher, Petunia würde sich bestimmt wahnsinnig freuen, wenn sie ein Weihnachtsgeschenk aus Hogsmeade bekommen würde, das auch noch total unauffällig per Eule nach Hause geschickt werden würde.
Als hätte Lily seine Gedanken gelesen, zuckte sie mit den Schultern.
„Ich hoffe, sie freut sich trotzdem.“ „Auch wenn es etwas aus der verhassten magischen Welt ist…“, fügte sie leise hinzu.
Traurig schaute sie auf das Päckchen und Severus strich sich unbeholfen eine Strähne aus dem Gesicht.
„Du bist also zu Weihnachten nicht zu Hause, sondern bleibst hier?“
Lily nestelte gedankenverloren an der Paketschnur herum.
„Das steht noch nicht fest. Petunia hatte zuletzt angedroht, wenn ich zum Fest nach Hause komme, dann wird sie solange bei einer Freundin einziehen. Sie will nicht mehr mit einer Hexe unter einem Dach wohnen.“
Sie seufzte.
„Naja, das wird sich schon zeigen. Und, was machst du denn eigentlich hier? Schreibst du einen Brief?“
Severus schnaufte. An wen sollte er bitte einen Brief schreiben und abschicken?
„Hausaufgaben…“, knurrte er.
„Aha. Dann will ich dich mal nicht stören.“ Lily stand auf und machte Anstalten nach oben zu gehen.
„Du störst nicht, Lily. Ich, ich könnte deine Hilfe gebrauchen.“
Das Mädchen setzte sich zu dem Slytherin und beugte über sein Pergament. Severus zog scharf die Luft ein. Der Duft ihrer Haare, ihre plötzliche Nähe, raubten ihm fast den Verstand.
„Es ist wegen Zaubertränke…ich meine, Rezepte für Weihnachtsleckereien? Reicht dieser ganze Weihnachtswahnsinn noch nicht aus?“
Lily grinste. „Sag nicht, der Meister der Zaubertränke scheitert tatsächlich an so einer leichten Hausaufgabe?“
Severus starrte Lily an. Der Anblick ihrer süßen Grübchen ließ ihn vergessen, dass sie ihn aufzog.
„Also ich kenne zig leckere weihnachtliche Rezepte für Plätzchen, Küchlein und Stollen auswendig. Sollen wir mal ein paar ausprobieren?“
„Hm?“
„Severus, huhu!“ Lily wedelte mit ihrer Hand vor seinem Gesicht herum. „Ich hab dich grade gefragt, ob wir zusammen ein paar Rezepte ausprobieren sollen? Dann kannst du dir eines aussuchen und hast zusätzlich zum Rezept auch noch etwas Leckeres zum probieren.“
„Du meinst ganz gewöhnliche Muggel- Plätzchen?“
„Klar, was sonst? Mit anderen weihnachtlichen Rezepten kann ich leider nicht dienen. Aber die sollten trotzdem gehen.“
An Stelle der Großen Halle beim Abendessen fand sich Severus abends tatsächlich zwischen Säcken von Mehl, Nüssen und ähnlichen Backutensilien wieder.
Die bestens ausgestattete, große Küche bot jeden Komfort, den man sich wünschen konnte. Doch Lily war dagegen, dass die vielen herumwuselnden Hauselfen ihnen die Arbeit abnahm.
„Komm schon, roll mal das Marzipan“, rief das Mädchen und wischte sich mehr Mehl in die Haare hinein, als aus dem Gesicht heraus.
Severus grinste, schnappte sich ein Nudelholz und pustete sich heftiger als nötig eine Stelle auf der bemehlten Arbeitsfläche frei.
Über die plötzlich vor ihr erscheinende Mehlwolke empört quietschend, griff sich Lily eine Tüte Puderzucker und verfolgte den jungen Slytherin um den Tisch herum.
Das Endergebnis ihrer Backschlacht war lecker, die Hauselfen versuchten verzweifelt ihre Küche wieder in den Ursprung zu bringen und die beiden Verursacher bemühten sich, dasselbe untereinander auch zu tun.
„Weiß steht dir nicht“, meinte Lily und wischte mit einem Wink ihres Zauberstabs Unmengen von Puderzucker und Mehlklümpchen aus den Haaren ihres Freundes.
„Ach, jetzt ist Zaubern auf einmal erlaubt?“
„Naja, wenn man schon Muggel- Plätzchen macht, dann auch eben nach herkömmlicher Art und Weise. Und deine Mutter hat wirklich noch nicht einmal mit dir gebacken?“
Severus runzelte die Stirn und seine ausgelassene Miene verdunkelte sich schlagartig.
„Dafür habe ich anderes gelernt.“
Wenn man bedachte, dass er in der ersten Klasse schon weitaus mehr Flüche und Sprüche kannte, als-
„Tut mir leid!“ Lily legte ihre Hand auf seine Schulter und lächelte ihn an.
„Komm, lass uns verschwinden. Sonst scheuern sie uns auch noch genauso ab wie den Fußboden.“
Sie zog Severus aus der Küche und stand dann mit ihm im dunklen Flur.
„Hier“, Lily schob ihm einen Vanillekeks mit Schokoguss in den Mund.
„Ich bin schon auf morgen früh gespannt. Mal schauen, was die anderen so vorbringen. Aber jetzt geht’s erst mal in Bett. Gute Nacht, Severus!“
Gähnend winkte sie ihm kurz zu und bog um die Ecke.
Still kauend sah er ihr hinterher. In seinem Bauch kribbelte es wie verrückt.
Zu gerne hätte er ihr gesagt, ach, zu gerne hätte er ihr so vieles gesagt. Doch so, wie es jetzt war, war es schon in Ordnung. Er schluckte den letzten Rest hinunter und seufzte.
Besser einen Bauch voller süßer Leckereien und einen unvergesslichen, ungeplanten gemeinsamen Abend, als eine Abfuhr.
„So, das ist ja ein interessantes Exemplar. Und, was tut es?“
„Gut schmecken.“
Professor Slughorn lächelte und nahm sich einen Vanillekeks vom Teller, den ihm Lily entgegen hielt.
„Schmeckt wirklich vorzüglich, Miss Evans, und das mit so einfachen Mitteln! 10 Punkte für Gryffindor!“
Der Professor griff sich noch schnell einen Keks und steckte ihn sich in den Mund.
„Und nun zu Ihnen, Mr Snape. Hm, sieht aus wie etwas, was ich schon mal in einem Muggel- Geschäft gesehen hab?“
Die Slytherins buhten und die Gryffindors in der Klasse fingen an zu lachen.
„Naja, mal schauen.“ Professor Slughorn nahm sich eines der Mandelhörnchen und biss ein Stückchen ab.
„Ding dong!“
Professor Slughorn machte große Augen.
„Ding dong!“ Der Lehrer für Zaubertränke brachte nichts weiter heraus, als lautes Glockengeläute.
Slytherins wie auch Gryffindors brachen in lautes Lachen aus und Lily zwinkerte Severus zu.
Er hatte es also doch nicht lassen können und entweder heimlich etwas in den Teig gemischt, oder die fertigen Exemplare mit einem Zauber belegt. Auf jeden Fall war es ein voller Erfolg!
Das fand auch Professor Slughorn, dem das Ergebnis volle 20 Punkte wert waren, sobald er wieder sprechen konnte.
Ob Bauchkribbeln nun grundsätzlich zu den Nebenwirkungen des Verspeisens von selbst gemachtem Weihnachtsgebäck gehörte, konnte Severus nicht genau sagen. Er jedenfalls hatte es, sobald er nur an jemanden bestimmtes dachte.
Lily Evans.
Und mit ihr, war sogar die Vorstellung von Weihnachten erträglich.