Harry Potter und die Schatten der Vergangenheit by Muggelchen [Reviews - 761] Drucker Kapitel oder Story
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Inhaltsangabe:
5 Jahre nach dem scheinbaren Tod von Albus Dumbledore kann Harry endgültig Voldemort besiegen. Der Frieden nach dem Sieg trügt jedoch. Totgeschwiegene Widrigkeiten kommen ans Tageslicht. Die über Jahrhunderte eingehaltene Tradition der Reinblütigkeit zeigt ihr fatales Erbe, von dem auch die Malfoys nicht verschont bleiben. Das Aurorenbüro hat alle Hände voll zu tun, den flüchtigen Todessern Herr zu werden, während der neue Zaubereiminister ohnmächtig die mysteriösen Todesfälle vereinzelter Hexen und Zauberer verzeichnet.

Eine Zeit der Entwicklung und des Erinnerns bricht an.

Sein neues Leben beginnt Ron als Berufssportler bei Eintracht Pfützensee, während Hermine ihre Ausbildung zur Heilerin beendet und sich enthusiastisch in ein weiteres Studium stürzt. Harry hingegen fiebert als neuer Lehrer für „Verteidigung gegen die Dunklen Künste“ der Wiedereröffnung Hogwarts‘ entgegen, wo Ginny ihr siebtes Jahr nachholen will. Hinter den sicheren Schutzmauern der Schule, fernab von den Hindernissen und den Neuanfängen der Magischen Welt, wird Harry von seinem Kollegen Severus Snape mit einem schaurigen Geheimnis aus der Vergangenheit konfrontiert.

Als wäre es nicht schon schwierig genug, die Scherben des Krieges zu beseitigen und neue Gesetze zu schaffen, blickt die Magische Welt einem neuen alten Feind ins Auge ...

Die Geschichte beginnt nach Band 6!


Leseprobe:

„Gut, wie viel möchtest du haben?“
Bei der Frage rutschte Harry auf der Couch herum. „Mit meinem Elf zusammen habe ich alles durchgerechnet, was die Menge und die zu erwartende Lebensverlängerung betrifft. Wir sind auf insgesamt fünf Liter gekommen.“
Es war selten, sehr selten, aber es war durchaus möglich, Severus aus dem Gleichgewicht zu bringen. „Fünf?“, blaffte Severus ihn versehentlich an. „Fünf Liter? Was hast du mit dieser Menge vor? Willst du ein neues Erfrischungsgetränk auf den Markt bringen?“
„Wir wollten ernst bleiben“, erinnerte Harry mit einem Schmunzeln.
„Fünf ...?“ Severus konnte sich gar nicht beruhigen. „Ich wüsste nicht einmal, wie ich auch nur einen Tropfen aus dem Stein herauspressen könnte und du verlangst gleich fünf Liter!“
„Wenn es dir zu schwer ist ...“ Harry streckte den Arm und wollte Severus den Stein aus der Hand nehmen, doch der zog sie weg. Severus' Können war angezweifelt worden, sein Stolz verletzt und das konnte er nicht auf sich sitzen lassen.
„Ich habe nicht gesagt, dass es mir zu schwer ist. Ich werde allerdings einige Zeit benötigen, muss viel lesen.“
„Wir haben schon eine Menge Vorarbeit geleistet!“, verkündete Harry selbstbewusst. „Mein Elf steht dir gern helfend zur Seite. Wir haben schon herausgefunden, wie man das Elixier gewinnt, nämlich indem man ein extra gemischtes Gemisch mischt ...“ Wegen seiner Wiederholung kam Harry ins Stottern. „Ein Gemisch also, das man extra anrührt ... und ... um ...“
„Es erstaunt mich immer wieder, wie beredt du bist. Ich brauche erst mal einen Drink!“

Geduldig wartete Harry, bis Severus mit einem Glas in der Hand zurückkommen würde. In der Zeit legte er sich Worte in Gedanken zurecht, damit er sich nicht wieder so verhaspelte.

„Ein besonderes Gemisch“, begann Harry, „das erhitzt wird. Was Destillation ist, weißt du?“ Severus rollte mit den Augen. Natürlich wusste er als Tränkemeister, was mit Destillation gemeint war. Auch Harry wurde sich seiner dummen Frage bewusst, fuhr aber einfach fort: „In diesem Destillierapparat wird der Stein befestigt. Der aufsteigende Dampf der erhitzten Flüssigkeit löst die“, er fuchtelte nervös mit seinen Händen umher, „Moleküle? Oder sowas ...“ Er wurde unsicher. Ohne seine Pergamente war Harry hilflos. Hätte er sie nur mitgenommen.
„Ich glaube, ich lese mich lieber selbst in das Thema ein. Aussagen wie 'oder sowas' sind nicht gerade Angaben, die auf eine erfolgreiche Arbeit hoffen lassen.“
„Wie du meinst. Jedenfalls ist das, was hinten rauskommt, das Elixier des Lebens.“
„Schön erklärt“, zog Severus ihn auf. „Wenn es andere Methoden gibt, werde ich sie finden.“
„Okay, aber mach nichts, was ich nicht auch tun würde.“
Abrupt senkte Severus sein Glas, blickte Harry in die Augen und beschwerte sich lauthals: „Unter solchen Einschränkungen kann ich nicht arbeiten!“
Vor Schreck hatte sich Harry tief in das Polster der Couch gedrückt. „Von mir aus ... Dann mach, was du willst, aber ich muss davon nichts erfahren.“

 

Warnung: Kein
Genre: Die Zeit nach Hogwarts, Liebe / Romantik, Mystery
Charaktere: Ginny Weasley/Harry Potter, Severus Snape, Hermine Granger, Draco Malfoy/Susan Bones, Ron Weasley, Lucius Malfoy/Narcissa Malfoy, Arthur Weasley, Albus Dumbledore/Minerva McGonagall, OC/Sirius Black, Nymphadora Tonks/Remus John Lupin, Neville Longbottom
Betaleser: John Xisor
Anmerkung des Autors:

 

Band 7 gab es erst ab dem 21. Juli als englischsprachige Ausgabe. Die FF wurde bereits am 4. Juni 2007 begonnen, weswegen sie direkt an Band 6 anschließt. Den letzten Band kenne ich noch nicht. Erstmalig im Netz wurde die Geschichte am 23.06.07 veröffentlicht. Bestimmte Handlungsfäden aus den ersten sechs Büchern werden beiläufig erwähnt oder abgehandelt (Voldemort, Horkruxe), denn ich hatte nie vor, einen alternativen Band 7 zu schreiben, sondern nur ein Abenteuer mit Harry Potter und seinen Freunden.


Es tauchen (ein Dank an die aufmerksamen Leser) durch Zufall Handlungselemente in der FF auf, die auch im letzten Band vorkommen. Davon nicht irritieren lassen. Das sind eine bestimmte Patronusform, und die Schlacht vor Hogwarts (beide Kapitel waren vor Band 7 schon online), die erste Begegnung von Severus und Lily (baut auf der von Fans diskutierten Theorie auf, er wäre damals in sie verliebt gewesen) und der Begriff "Babbelhäschen" (habe ich einem HP-Lexikon entnommen und stammt ursprünglich aus „Die Märchen von Beedle dem Barden“ – in der FF hat es eine eigene Bedeutung).

Durch John Xisor kam ich mit dem FF-Schreiben in Berührung. Die Story sollte anfangs Slash werden und war als private Spaß-Antwort auf seine FF gedacht. John legte aber sein Veto ein; erst da habe ich erfahren, dass er sie online gestellt hat. Der Richtungswechsel ist der Grund, warum die ersten 10 – 15 Kapitel sich sehr von den anderen unterscheiden. Einigen Lesern sind die vagen Slash-Andeutungen trotzdem aufgefallen, denn die habe ich absichtlich drin gelassen :)

Für wen könnte die FF etwas sein?

Für alle, die das gesamte HP-Universum lieben! Kaum ein Charakter wird außen vor gelassen. Es gibt viele Handlungsstränge, die den Grund für die Länge der Geschichte darstellen. Ich hatte nie vor, mehr als diese FF zu schreiben und deswegen habe ich alles, was ich "loswerden" wollte, hier untergebracht – was doch nicht gepasst hat, endete als unabhängiger Oneshot.

* Wer FFs mit wiederbelebten Charakteren schon rein aus Prinzip nicht mag, der sollte lieber gleich Abstand von der Geschichte nehmen.
* Die Leser, die offen für Erklärungen sind, dürfen mit den Protagonisten miträtseln, wie und vor allem warum bestimmte Charaktere dem Sensenmann ein Schnippchen geschlagen haben.

Tipp

Der Anfang mag seltsam und fluffig sein, das gebe ich gern zu und es war ja auch Absicht. Schlimm finde ich es nicht. Die Geschichte war ja nie für eine Veröffentlichung vorgesehen.

Wer den Anfang (die ersten 10 - 15 Kapitel) überstanden hat, der wird es sicherlich nicht bereuen sie weiterzuverfolgen, wie viele von euch es bestätigt haben. Für eure anfängliche Geduld danke ich euch.

Disclaimer: Die Charaktere gehören Rowling, die Handlung mir.

Viel Spaß beim Lesen wünschen
Muggelchen & John


Wir beginnen beim Happy-End... 

 

Eine überarbeitete Version von Kapitel 1 findet ihr gleich unten unter dem ursprünglichen Kapitel. Die anderen, die noch an dem "Meine-erste-FF-Syndrom" leiden, werden nach Beendigung der Geschichte überarbeitet. Hier die ursprüngliche Version von

 

Auf der Flucht

 

Draco erwachte fast jeden Morgen mit Tränen in den Augen. Ein Traum, an den er sich selten erinnern konnte, hatte seinen Tag wieder einmal mit einem Gefühl der Niedergeschlagenheit beginnen lassen. Er ahnte, dass er von seinen Eltern gehandelt haben musste, die er mittlerweile seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hatte; nicht mehr, seitdem Professor Snape mit ihm von Hogwarts geflohen war.

 

Unzählige Verstecke, nächtliche Fluchtaktionen und ermüdende Reisen hatte sein Pate auf sich genommen, um Draco in Sicherheit zu wissen. Zuerst hasste Draco seinen Paten; dachte von ihm, er sei ein Verräter. Je länger die beiden jedoch zusammen lebten und flohen, desto besser verstand Draco ihn. Die meiste Zeit über war sein Onkel Severus, wie er ihn seit früher Kindheit nannte, sehr geduldig und ruhig. Manchmal, so dachte Draco, war Severus sogar des Lebens müde. Während dieser Phasen half Draco ihm, indem sie über alles Mögliche sprachen, sogar über Harry. Keiner von beiden nannte ihn die letzten Jahre nur Potter. Eines Abends, als Severus über Dumbledore und die Nacht – diese Nacht – sprach, hatte Draco endlich alle Zusammenhänge begriffen. Ihm war klar geworden, dass der von ihm so gehasste Schuldirektor ihn davor bewahrt hatte, zum Mörder zu werden. Dafür war Draco ihm aufrichtig dankbar, aber er fühlte sich deswegen auch schuldig.

 

Natürlich hatte sein Pate ihm alles Erdenkliche beigebracht, wenn sie sich in einem neuen Dorf für weitere Wochen niedergelassen hatten. Neben anderen Dingen hatte Severus dem jungen Mann bestimmte Zaubersprüche eingebläut, um sich erfolgreich gegen Todesser und deren Taktiken zur Wehr zu setzen. Willentlich ließ sich Draco von Severus auf die gute Seite ziehen.

 

Manchmal, genau wie Severus, fiel Draco in ein tiefes Loch, besonders wenn sie über eine bestimmte Person redeten: Dracos Vater. Dann war Severus für ihn da. Sein Pate tröstete und beruhigte ihn, bis er sich wieder besser fühlte. Draco vermisste seinen Vater. Er wünschte sich so sehr, er würde wie er selbst die Seiten wechseln. Er wollte, dass sein Vater auch einer der guten Zauberer wird, wie Severus. Ja, Draco hielt Severus für einen Zauberer der guten Seite, selbst wenn er von Hause aus äußerst grantig war. Natürlich vermisste Draco auch seine Mutter, aber die wähnte er zumindest in Sicherheit und weit außerhalb der Reichweite des Dunklen Lords.

 

Für einige Monate lebten sie sogar unter Muggeln. Bei ihnen war es sicherer als in der Zaubererwelt. Nicht nur, weil beide vor den rachsüchtigen Todessern fliehen mussten, sondern weil auch das Britische Ministerium für Zauberei ihre gut trainierten Auroren auf die beiden gehetzt hatte. Die Zaubererwelt war eher eine Gefahrenzone für die beiden Gesuchten als die Muggelwelt. Todesser verübten magische Bombenanschläge und Entführungen in der magischen Welt, während die Muggelwelt überwiegend verschont geblieben war, auch wenn sich die Anzahl von Entführungen und Anschlägen von „Terroristen“ leicht erhöht hatte.

 

Eines Tages kam Draco vom Zeitungskiosk um die Ecke wieder. Sein jugendliches Temperament ließ ihn wie ein altes Waschweib fluchen. Als er wütend die kleine Wohnung betrat, die Severus für sie besorgt hatte, wusste er nicht einmal mehr, was ihn so auf die Palme gebracht hatte. Draco machte an diesem Tag einen großen Fehler, als er aufgebracht schimpfte: „Ich hasse dieses Volk! Verdammte Schlammblüter… so weit das Auge reicht!“ Schnell wie der Blitz erhob sich Severus von seinem Stuhl, stürzte auf Draco zu und gab ihm eine gepfefferte Ohrfeige. Draco war völlig perplex. So schrecklich schmerzte die Ohrfeige gar nicht. Er war über das Verhalten von Severus so verdutzt.

 

Sein Pate, kochend vor Wut, rügte ihn für den Gebrauch dieses Schimpfwortes. „Weißt du überhaupt, warum wir dieses Zimmer bekommen haben? Weißt du’s? Weil die Frau uneigennützig eine Sache ausübt, die man in der nicht-magischen Welt Nächstenliebe nennt! Sie gibt uns einen Platz zum Schlafen, gibt uns zu Essen und nimmt dafür nicht einmal Geld! Sie ist ein Muggel, Draco, aber sie hilft uns! Und du maßt dir an, Muggel mit herabwürdigenden Ausdrücken zu diffamieren?!“, zischelte Severus zornig.

 

Seine Worte lagen Draco schwer im Magen. Er zitterte, blieb jedoch ruhig und ließ die Schelte über sich ergehen. Nachdem Severus seine Zurechtweisung beendet hatte, atmete Draco zittrig ein und aus. Severus saß wieder in seinem Stuhl und gaukelte vor, in einer Zeitung zu lesen, um Blickkontakt zu vermeiden.

 

In der Vergangenheit hatte Severus nur einmal einem Schüler körperliche Gewalt angetan. Das war an dem Tag, als Severus mit ihm geflohen war. Er hatte Harry geohrfeigt. Niemals hatte er seinen Lieblingsschüler Draco geschlagen. Sein Pate war innerlich noch immer aufgewühlt und ignorierte Dracos mittlerweile feucht gewordene Augen. Er hörte seinen Patensohn schniefend flüstern: „Weißt du noch, wie ich dich als Kind genannt habe?“ Draco wartete, aber es kam keine Reaktion. So fuhr er unbeirrt fort: „Ich habe dich immer meinen Zottelbär genannt!“

 

Severus musste aufgrund dieser Erinnerung gequält lächeln. Dracos Kindheit war nicht leicht gewesen. Während Lucius seinen Sohn von Beginn an recht kühl erzogen hatte, hatte Narzissa dafür gesorgt, dass ihr Sohn seinem Alter entsprechend behandelt wurde. Sie war es, die ihm immer wieder Kinderbücher vorgelesen hatte, während Lucius alles daran gesetzt hatte, dass sein Nachkomme sich ein arrogant höfliches Benehmen aneignen würde und sehr früh hatte er ihm den Klassenunterschied der magischen Gesellschaft näher gebracht. Eines der Bücher, die Narzissa ihm immer und immer wieder vorgelesen hatte, handelte von den Abenteuern eines großen, schwarzen Bären. Beim Betrachten der Illustration musste der kleine Draco immer wieder an seinen Patenonkel denken. Bald war die kindliche Assoziation geschaffen und ein vierjähriger Draco nannte seinen Patenonkel fröhlich „Zottelbär“. Eines Tages kam Lucius diese liebevolle Bezeichnung zu Ohren. Severus wurde Zeuge dessen, wie Lucius seinem Jungen auf verspielte Art beibrachte, dass dieser in seinem Alter nicht mehr Worte wie „Zottelbär“ gebrauchen sollte. „Blutsverräter“ und „Schlammblüter“ waren die Worte, die Lucius dem Jungen eingehämmert hatte.

 

Während eine Träne an seinen Wangen hinunterlief, sagte Draco leise: „Das war zu der gleichen Zeit, als Vater mir dieses Wort beigebracht hat… Ich war erst vier Jahre alt, Severus! Er hat mir gezeigt, wie man sie benutzt, um Menschen wehzutun... und…“ Aufgrund der Erinnerungen an seine Kindheit und ein einst sorgloses Leben begann Draco bitterlich zu schluchzen. Severus holte tief Luft, bevor er zu Draco hinüberblickte und seine Arme weit öffnete. Überdankbar rannte Draco in die tröstende Umarmung und sagte wimmernd und schuldbewusst: „Es tut mir Leid! Es tut mir Leid! Ich hab’s nicht so gemeint! Es ist eine blöde Angewohnheit… Ich werd’s mir abgewöhnen. Versprochen!“

Seinen Paten wiegend sagte Severus beruhigend: „Shht, Draco… Ist ja alles gut… Entschuldige die Ohrfeige. Ich verspreche, dass ich dir nie wieder wehtun werde! Nun ist’s gut… Hör’ auf zu weinen… Shhht…” Nach einer Weile hatte sich Draco beruhigt.

 

Severus hielt immer Augen und Ohren offen. Er belauschte seine Nachbarschaft und hörte eines Tages zwei Squibs miteinander reden. Sie erzählten von mysteriösen Briefen, die sie bekommen hätten. Diese Briefe beinhalteten Warnungen über bevorstehende Todesser-Angriffe.

 

Einen Tag, bevor sich diese Warnungen als wahr erwiesen, war Severus mit Draco bereits zurück in die magische Welt geflohen. Sie nahmen sich ein Mietzimmer in einem Dorf. Tag für Tag mopste Draco eine Ausgabe des Tagespropheten aus öffentlichen Papierkörben. Severus hatte Dracos Aussehen für die Ausflüge nach draußen mit einem leichten Verhüllungszauber belegt, so dass er nicht mehr zu erkennen war. Am Abend lasen sie regelmäßig die Zeitungen, die Draco gesammelt, teilweise auch gestohlen hatte, was er seinem Patenonkel nie erzählte. Auf fast jeder Seite stand natürlich sein Name: Harry Potter. Draco seufzte. Nun, nach all den Jahren, bezeichnete Draco Harry nicht mehr als seinen Erzfeind. Harry war ohne Frage der Retter beider Welten. Nur Harry wäre in der Lage, den Dunklen Lord zu töten; das war Draco klar geworden.

 

Severus hasste es, nicht mehr umfangreich über die Aktivitäten beider Seiten informiert zu sein. Früher fühlte er sich wesentlich sicherer, als er noch wusste, welche Pläne der Dunkle Lord schmiedete und welche Gegenschläge der Phönixorden plante. Er war schon lange nicht mehr in irgendwelche Pläne involviert. Zudem vermisste er sehr die Unterhaltungen mit Albus, seinem Mentor und väterlichem Ideal. Sogar den angebotenen Süßigkeiten hing er wehmütig nach, auch wenn er sie meist abgelehnt hatte. Er vermisste das lebendige Zwinkern in den Augen des Direktors, wenn der wieder einmal versuchte, ihn dazu zu überreden, Frieden mit Harry zu schließen.

 

Wenn seine Gedanken nicht mit persönlichen Emotionen verklärt wurden, wie damals bei dem Zwischenfall mit Sirius Black, dann konnte Severus seinen klaren, messerscharfen Verstand erfolgreich einsetzen und durchaus zum richtigen Schluss kommen. Im Zusammenfügen von Fakten war er ungeschlagen. Er sammelte sämtliche Informationen über Todesser-Anschläge. Mit all den Fakten und mit dem, was Severus zwischen den Zeilen der Artikel im Tagespropheten lesen konnte, wurde ihm schnell klar, dass die Zeit gekommen war. Die finale Schlacht stand kurz bevor und Severus war sich sicher zu wissen, wo sie stattfinden würde. Hogwarts! Severus musste dort hin! Er würde sein Wort halten und Harry im letzten Kampf zur Seite stehen. Das hatte er Albus versprochen und zwar wenige Monate vor dessen Tod, an dem Severus selbst die Schuld trug.

 

 

Anmerkung:
Bisher wurde nur Kapitel 1 überarbeitet (24.07.2009). Die anderen Kapitel werden später aktualisiert, sobald die Schatten-FF beendet wurde. Die ursprünglichen Kapitel werden dann vollständig durch die neuen ersetzt.

Inhaltlich hat sich kaum etwas geändert. Aus ursprünglich 1.485 Wörtern wurden jetzt 2.860. Besonders der Ausdruck hat sich dem Rest der FF angepasst. Dialog und Erzählung sind ausgeglichener, Handlungen und Situationen sind nachvollziehbarer beschrieben und vor allem sind die Charaktere viel mehr IC.

Hier die überarbeitete Version von Kapitel 1:

 

 

Auf der Flucht

 

 

In Dracos Kopf wütete ein beängstigend lautes Stimmenwirrwarr, das nur er hören konnte. Die Träume waren immer ähnlich. Und gerade weil jeder Traum den gleichen Inhalt hatte, war es jeden Abend eine große Überwindung für ihn, sich zu Bett zu begeben. Die Träume handelten von düsteren Gestalten in schwarzen Kutten, die ihn als Verräter umkreisten und beschimpften. Allesamt trugen Gesichtsmasken, eine fratzenhafter als die andere.

 

„Vater?“

 

Es war nur ein leises Wimmern gewesen, doch Severus hatte es gehört. Er ließ Draco schlafen und durchstöberte weiterhin bei Kerzenlicht die letzte Ausgabe des Tagespropheten. Ein paar Stunden Schlaf reichten ihm völlig aus.

 

Am nächsten Morgen erwachte Draco wie üblich mit Tränen in den Augen, die er schnell an der grauen Bettwäsche trocknete. An die Träume selbst konnte er sich nur selten erinnern, aber erneut begann er den Tag mit einem beklemmenden Gefühl der Niedergeschlagenheit. Er ahnte, dass er seinen Eltern begegnet sein musste, die er seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hatte; nicht mehr, seitdem Severus Snape, ehemaliger Professor für Zaubertränke, mit ihm nach dem Mord an Albus Dumbledore von Hogwarts geflohen war.

 

Unzählige Verstecke, nächtliche Fluchtaktionen und ermüdende Reisen hatte sein Pate auf sich genommen, um Draco in Sicherheit zu wissen. Anfangs hasste Draco ihn dafür, hielt ihn für genau den Verräter, der er in seinen Träumen nun selbst  war. Je länger die beiden jedoch zusammen lebten und gemeinsam vor den Todessern und den Auroren flohen, desto besser verstand Draco ihn. Die meiste Zeit über war sein Onkel Severus, wie er ihn in früher Kindheit genannt hatte, sehr geduldig und ruhig. Manchmal, so dachte Draco, war Severus sogar des Lebens müde. Während dieser betrübten Gemütsstimmungen half Draco ihm, indem sie über alles Mögliche sprachen, sogar über Harry. Keiner von beiden nannte ihn in den letzten Jahren nur Potter.

 

Eines Abends, als Severus über Dumbledore und die Nacht – diese Nacht – sprach, hatte Draco endlich alle Zusammenhänge begriffen.

 

„Dann heißt das, Professor Dumbledore hat dich genötigt ihn umzubringen, weil er sowieso an der verfluchten Hand und dem Gift aus der Höhle gestorben wäre?“, fragte Draco nach, um sicherzugehen, kein Detail vermisst zu haben.

„Genau so ist es.“ Ein Seufzer entwich dem ehemaligen Todesser.

Flüsternd wollte er noch wissen: „Und das nur wegen mir?“

Einen Moment lang wägte Severus die treffenden Worte ab, bevor er mit gebrochener Stimme erwiderte: „Ihm war deine junge Seele sehr viel wert, Draco.“

„Und deine?“

 

Eine Antwort gab Severus nicht.

 

Endlich war Draco klar geworden, dass der von ihm einst so gehasste Schuldirektor ihn davor bewahrt hatte, zum Mörder zu werden. Dafür war Draco ihm aufrichtig dankbar, aber er fühlte sich deswegen auch schuldig.

 

Fünf Jahre waren viel Zeit für einen jungen Mann, sich über die eigenen Ansichten und deren Falschheit bewusst zu werden. In diesen Jahren lernte er alles Erdenkliche von seinem Paten, wenn sie sich wieder einmal in einem neuen Dorf für weitere Wochen niedergelassen hatten. Unter anderem hatte Severus ihm bestimmte Zaubersprüche eingebläut, um sich erfolgreich gegen Todesser und deren Taktiken zur Wehr zu setzen. Willentlich ließ sich Draco von Severus auf die gute Seite ziehen.

 

Manchmal, genau wie Severus, fiel Draco in ein tiefes Loch, besonders wenn sie über eine bestimmte Person sprachen: Dracos Vater. In dieser Zeit, Draco hätte es früher nie für möglich gehalten, war Severus für ihn da. Der üblicherweise mürrische Mann besaß die Fähigkeit ihn zu beruhigen, wenn auch nur mit Worten. Trotz der tröstenden Worte vermisste Draco seinen Vater und seine Mutter so sehr, dass es in der Brust wehtat. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als seinen Vater zu sich zu holen, ihn auf seine Seite zu ziehen – auf die gute. Unmöglich wäre es nicht. Draco hätte nie im Leben geglaubt, dass Severus, selbst wenn der vom Wesen her äußerst grantig war, einen Zauberer darstellte, der eben diese lichte Seite bevorzugte. In Gedanken malte er sich aus, wo seine Mutter stecken könnte. Sie wähnte er zumindest in Sicherheit und weit außer der Reichweite des Dunklen Lords. Wo sie sich aufhielt, war nicht bekannt.

 

„Wir brechen heute Nacht auf, Draco. Pack deine Sachen.“  Kein „bitte“, keine Erklärung. Draco störte sich nicht daran, dass Severus‘ Aufforderungen stets wie Befehle klangen. Ohne Murren packte er seine Sache. Viel war es nicht. Etwas Kleidung, ein paar Wertgegenstände, ganz wenig Geld.

 

Bei klirrender Kälte verließen sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das kleine Muggeldorf, um ein paar Dörfer weiter ihr Glück zu suchen und wenn nicht Glück, dann wenigstens eine warme Unterkunft und etwas Arbeit, um sich ein Essen zu verdienen. Bei den Muggeln war es sicherer als in der Zaubererwelt. Hier mussten sie selten mit rachsüchtigen Todessern rechnen und schon gar nicht mit den gut trainierten Auroren, die ihnen das Britische Ministerium für Zauberei auf den Hals gehetzt hatte. Alle Welt suchte nach ihnen, nur nicht die Muggel. Für sie waren sie Vagabunden, die auch schon mal eine Nacht wegen Landstreicherei in einer Polizeizelle übernachten mussten – in einer warmen Zelle mit weichen sauberen Decken und einer kostenlosen Mahlzeit. Die Zaubererwelt hingegen war eine echte Gefahrenzone für die beiden Gesuchten.

 

Was sie regelmäßig verfolgten waren Tageszeitungen. Die der Muggel klaubten sie aus dem nächst besten Papierkorb. Den Tagespropheten musste sie aus Kiosken stehlen, die von Squibs oder Zauberern geführt wurden. Interessiert verfolgten sie das Geschehen, wie es aus der Sicht der unwissenden Muggel geschildert wurde. Im Vergleich dazu lasen sie über die Betrachtungsweisen der Zaubererwelt. Die magischen Bombenanschläge der Todesser erklärten die Muggel mit Terroranschlägen. Allgemein hatte sich bei den Muggeln besonders im letzten Jahr die Anzahl der Entführungen erhöht sowie Anschläge durch „politische Feinde“. Die Muggel waren sich der Gefahr, die von Voldemort und seinen Schergen ausging, gar nicht bewusst.

 

Eines Tages besuchte Draco ein Geschäft, in dem man den Tagespropheten bekommen konnte. Als er sich eine gerollte Ausgabe in den Ärmel seiner Jacke stopfte, betrachtete er eine junge Frau, die ein paar Meter neben ihm stand. Er fand sie hübsch. Dieser kleine Lichtblick in seinem Leben ließ ihn unachtsam werden. Jemand hatte ihn beim Diebstahl beobachtet und machte alle Anwesenden auf den Blonden aufmerksam. Die Frau warf ihm einen angewiderten Blick zu.

 

Man jagte ihn zu Fuß durch die nicht sehr langen Straßen des kleinen Dorfes, quer über einen Acker und durch einen Kuhstall, wo seine Verfolger ihn endlich verloren.

 

Mit Mist auf der Hose marschierte er wütend zu dem abgelegenen Häuschen, wo Severus und er bei einer alten Dame untergekommen waren. Kaum hatte er das kleine Zimmer unterm Dach betreten, ließ sein jugendliches Temperament ihn wie ein altes Waschweib fluchen. Dass er einen Fehler machte, fiel ihm erst auf, als ihm die Worte über die Lippen gekommen waren.

 

„Ich hasse dieses Volk! Verdammte Schlammblüter … So weit das Auge reicht!“

 

Schnell wie der Blitz erhob sich Severus von seinem Stuhl und stürzte auf Draco zu. Für dieses Wort erntete der Blonde eine gepfefferte Ohrfeige. Draco war völlig perplex, obwohl die Ohrfeige gar nicht so schrecklich schmerzte. Er war vielmehr über das Verhalten seines Patenonkels verdutzt. In der Vergangenheit hatte Severus nur ein einziges Mal einem Schüler körperliche Gewalt angetan. Das war an dem Tag, an dem Severus mit ihm geflohen war. Er hatte Harry geohrfeigt, aber niemals zuvor hatte er seinen Lieblingsschüler und Patensohn geschlagen.

 

Sein Pate, kochend vor Wut und rügte ihn für den Gebrauch dieses Schimpfwortes. Zornig zischelte er: „Weißt du überhaupt, warum wir dieses Zimmer bekommen haben? Weißt du’s? Weil die Frau uneigennützig eine Sache ausübt, die man in der nicht magischen Welt ‘Nächstenliebe‘ nennt. Sie gibt uns einen Platz zum Schlafen, gibt uns zu Essen und nimmt dafür nicht einmal Geld! Sie ist ein Muggel, Draco, aber sie hilft uns! Und du maßt dir an, Muggel mit herabwürdigenden Ausdrücken zu diffamieren?“

 

Dieses eine Schimpfwort hatte einen Zorn in Severus ausgelöst, dessen Ursprung viele Jahre zurücklag.

 

Die Worte lagen Draco schwer im Magen. Am ganzen Körper bebte er, doch nach außen blieb er so ruhig wie möglich. Reumütig ließ er die Schelte seines Patenonkels über sich ergehen. Nachdem Severus seine Zurechtweisung beendet hatte, atmete Draco zittrig ein und aus.

 

Severus setzte sich wieder auf seinen Stuhl und gaukelte vor, in einer Zeitung zu lesen, was er gern tat, wenn er Blickkontakt vermeiden wollte.

 

Die ganze Ungerechtigkeit des Lebens zerrte an Dracos Nerven. Er war hier, in einem kleinen dunklen Zimmer unter dem Dachgeschoss, anstatt in seinen riesigen Räumen in Malfoy Manor. Von allen Seiten drohten Gefahren. An Ruhe und Entspannung war seit langer Zeit nicht zu denken. Die Nächte waren kurz, viel zu kurz und zu unruhig. Ausgerechnet heute, nachdem er wieder mit diesem dumpfen Gefühl im Herzen erwacht war, hatten sich sogar Severus gegen ihn gewandt. Dabei wollte er nur seiner Wut über den aufgebrachten Mob freien Lauf lassen, wollte einfach nur schimpfen. Dabei war es völlig egal, auf wen oder was. Sein Unmut musste heraus, sonst würde er eines Tages noch platzen. Draco wollte am liebsten nach Hause. Er wollte Vater und Mutter in die Arme schließen, aber genau das war nicht möglich.

 

Zornestränen liefen an seiner Wange hinunter, als er an sich herabsah. Der Kuhmist an der Hose war bereits angetrocknet. Er traute sich nicht zu fluchen, nicht einmal wegen der verdreckten Kleidung. Alle Ventile mussten geschlossen bleiben, also schluckte Draco all die aufwühlenden Gefühle hinunter und ertrug sein jämmerliches Dasein. Mit seinem Patenonkel wollte er wieder ins Reine kommen – sofort. Er war der einzige Mensch, mit dem er reden konnte und der einzige, der ihn verstand. Die Bestrafung durch Nichtachtung war für Draco schlimmer als zehn Schläge mit einem Rohrstock.

 

Innerlich noch immer wegen der Erinnerung aufgebracht, die das Schimpfwort in ihm geweckt hatte, ignorierte Severus den Kummer seines jungen Schützlings. Als er ihn die Nase hochziehen hörte, blickte Severus auf. Diesen Moment nutzte Draco, um ein wenig in der Vergangenheit zu schwelgen; in Zeiten, in denen augenscheinlich noch alles in Ordnung war.

 

„Weißt du noch, wie ich dich als Kind genannt habe?“ Draco wartete, aber es kam keine Reaktion. Aus Angst, er würde Severus‘ Sarkasmus ausgesetzt sein oder vielleicht sogar einer weiteren Rüge erhalten, kam die kindliche Anrede nur flüsternd über seine Lippen: „‘Zottelbär‘.“

 

Wegen der aufkommenden Erinnerung musste Severus gequält lächeln. Dracos Kindheit war nicht leicht gewesen. Lucius hatte seinen Sohn von Beginn an und unter Aufsicht des eigenen Vaters sehr kühl erzogen. Es war Narzissa gewesen, die dafür sorgen wollte, dass ihr Sohn seinem Alter entsprechend behandelt wurde. Sie hatte ihm immer wieder Kinderbücher vorgelesen, auch jenes, das Severus ihm zum vierten Geburtstag geschenkt hatte. Er konnte sich sogar noch an den Verkäufer von Flourish und Blotts erinnern, der es ihm für den Jungen empfohlen hatte.

 

Die Herren des Hauses, Abraxas und Lucius, kümmerten sich lieber darum, dass der Nachkomme der Familie sich ein arrogant höfliches Benehmen aneignete. Sie brachten ihm sehr früh den herrschenden Klassenunterschied in der magischen Gesellschaft nahe. Das Buch, das Severus ihm damals vermacht hatte, handelte von den Abenteuern eines großen schwarzen Bären. Beim Betrachten der Illustration musste der kleine Draco stets an seinen Patenonkel denken. Bald war die kindliche Assoziation geschaffen und ein vierjähriger Draco nannte seinen Patenonkel fröhlich „Zottelbär“. Als Lucius diese liebevolle Bezeichnung zu Ohren kam, wurde Severus Zeuge dessen, wie dem Jungen auf verspielte Art beigebracht wurde, dass dieser in seinem Alter nicht mehr solche niedlichen Worte wie „Zottelbär“ gebrauchen sollte. „Blutsverräter“ und „Schlammblüter“ waren die Ausdrücke, die Lucius dem Jungen ganz im Sinne des Großvaters wie Gift in das unschuldige Gemüt eingeflößt hatte.

 

Als hätte Draco den gleichen Gedanken gehabt, sagte er leise und entmutigt: „Das war zu der gleichen Zeit, als Vater mir dieses Wort beigebracht hat. Ich zwar noch nicht sehr alt, aber ich weiß es noch. Er hat mich seitdem darin unterwiesen, wie man sie benutzt, um Menschen zu verletzen und …“

 

Die Sehnsucht nach seinen Eltern und das einst sorglose Leben betrübten Draco. Die Befürchtung, all das würde er nie wieder erleben dürfen, drückte auf seine Stimmung. Er war am Ende mit seinen Kräften, körperlich und seelisch völlig ausgelaugt. Der tägliche Kampf ums Überleben schloss nicht nur die Flucht vor Todessern ein, sondern auch eine regelmäßige Mahlzeit. Früher hatte Dobby immer dafür gesorgt, dass er dreimal täglich sein Essen bekam. Heute wusste er nicht einmal, was für unangenehme Überraschungen der Tag mit sich bringen würde. Draco konnte und wollte nicht mehr. Für ihn hatte nichts mehr Sinn. Der Gestank der eigenen Hose störte ihn nicht, obwohl er damals so penibel gewesen war. Damals musste alles immer das Beste vom Besten sein. Heute trug er das, was Kleiderspenden hergaben. Er war nicht mehr er selbst. Er war irgendjemand anderes in fremder Kleidung – er war jemand, den er nicht kannte. Ein unbekannter Jemand ohne Zukunft.

 

Dracos Atmung war schwer, aber er bemühte sich sehr, die aufkommenden Tränen zurückzuhalten. Keine von ihnen würde seinen Vater oder seine Mutter herbeizaubern. Vor seinem inneren Auge sah er das tiefe schwarze Loch. Dieses Mal balancierte er nicht vorsichtig am Rand entlang, sondern stürzte sich absichtlich hinein.

 

Severus holte tief Luft, bevor er zu Draco hinüberblickte. Seufzend stand er auf und ging hinüber, um dem jungen Mann Mut machend die Hände auf die Schulter zu legen. Diese Geste hatte Draco als missverstanden, denn er umarmte seinen stets so distanzierten Patenonkel, der ihn weiterhin nur an den Oberarmen hielt. Überdankbar nahm sich Draco die tröstende Umarmung, die Severus zwar nicht angeboten hatte, nun aber auch nicht verwehren wollte.

 

Da war jemand – Severus –, dem es genauso schlecht ging wie ihm selbst. Warum allein diese Gewissheit trösten konnte, war Draco ein Rätsel, aber es war gut zu wissen, mit seinem Weltschmerz nicht allein fertigwerden zu müssen.

 

Schuldbewusst wimmerte Draco: „Es tut mir leid, es tut mir leid. Ich hab’s nicht sagen wollen. Ich sag’s nie wieder! Es ist nur eine blöde Angewohnheit, eine Erinnerung. Ich werd’s mir abgewöhnen, versprochen!“

Die Nähe war Severus unangenehm, dennoch klopfte er ihm beruhigend auf den Rücken und beteuerte: „Es ist ja alles gut, Draco.“ Eine Entschuldigung wäre angebracht, dachte Severus. „Verzeih mir den kleinen Ausrutscher. Wird nicht wieder vorkommen.“ Die Umarmung wollte Severus wieder lösen, doch im Moment war dieser soziale Kontakt für Draco der einzige Weg, wieder Kraft zu schöpfen; die Nähe zu jemandem, dem er vertrauen konnte. „Nun ist’s gut.“ Langsam drückte Severus den jungen Mann von sich. „Hör’ auf Trübsal zu blasen.“

 

Nach einer Weile hatte Draco sich beruhigt, hatte mit Severus‘ Hilfe wieder einmal einen Weg aus der Hoffnungslosigkeit gefunden, die ihn immer häufiger übermannte.

 

In den nächsten Tagen hielt Severus Augen und Ohren offen. Er belauschte die Nachbarschaft und hörte eines Tages zwei Squibs miteinander reden. Sie erzählten von mysteriösen Briefen, die sie bekommen hätten. Diese Briefe beinhalteten angeblich Warnungen über bevorstehende Todesser-Angriffe.

 

Einen Tag, bevor sich diese Warnungen als wahr erweisen sollten, war Severus mit Draco bereits zurück in die Magische Welt geflohen. Sie nahmen sich ein Zimmer in einem Dorf. Tag für Tag mopste Draco eine Ausgabe des Tagespropheten aus öffentlichen Papierkörben. Für diese Ausflüge nach draußen hatte Severus das Aussehen des Blonden mit einem leichten Verhüllungszauber belegt, so dass er nicht mehr zu erkennen war. Am Abend lasen sie regelmäßig die Zeitungen, die Draco gesammelt, teilweise auch gestohlen hatte. Auf fast jeder Seite stand natürlich sein Name: Harry Potter. Draco seufzte. Nach all den Jahren konnte Draco von Harry nicht mehr als seinen Erzfeind sprechen. Harry war ohne Frage der Retter beider Welten. Nur Harry wäre in der Lage, den Dunklen Lord zu töten; das war Draco klar geworden. Harry war auch der Grund, warum Severus diese ganzen Strapazen überhaupt auf sich genommen hatte. Draco wollte Voldemort tot sehen, weil er nur so die Hoffnung hegen konnte, eines Tages seine Familie wiederzusehen. Severus hatte seinen Grund nie verraten.

 

„Könnte ich nur mit jemandem reden“, murmelte Severus, als er sich die Schlagzeilen des Tagespropheten anschaute. Er hasste es, nicht mehr umfangreich über die Aktivitäten beider Seiten informiert zu sein. Früher, als er in die Pläne des Dunklen Lords und auch in die geplanten Gegenschläge des Phönixorden eingeweiht war, hatte er sich wesentlich sicherer gefühlt. Nun war er schon lange nicht mehr in irgendwelche Pläne involviert. Zudem vermisste er sehr die aufschlussreichen Unterhaltungen mit Albus, seinem Mentor und väterlichem Ideal. Sogar den angebotenen Süßigkeiten hing er wehmütig nach, auch wenn er sie damals meist abgelehnt hatte. Er vermisste das lebendige Zwinkern in den leuchtend blauen Augen des Direktors, wenn der ihn wieder einmal dazu bewegen wollte, Frieden mit Harry zu schließen. Undenkbar.

 

Wenn seine Gedanken nicht mit persönlichen Emotionen verklärt waren, wie damals bei dem Zwischenfall mit Sirius Black, dann konnte Severus seinen klaren messerscharfen Verstand erfolgreich einsetzen und durchaus zum richtigen Schluss kommen. Im Zusammenfügen von Fakten war er ungeschlagen. Er sammelte sämtliche Informationen über Todesser-Anschläge. Mit all den Fakten und mit dem, was Severus zwischen den Zeilen der Artikel im Tagespropheten lesen konnte, wurde ihm schnell klar, dass die Zeit gekommen war. Das Brennen an seinem und Dracos linkem Unterarm sprach für sich. Die finale Schlacht stand kurz bevor und Severus war sich sicher zu wissen, wo sie stattfinden würde. Hogwarts! Severus musste sich sofort auf den Weg machen. Er würde sein Wort halten und Harry im letzten Kampf zur Seite stehen. Das hatte es Albus versprochen und zwar wenige Monate vor dessen Tod, an dem Severus selbst die Schuld trug.